3.L | Montag, 1. Juni 2015 (BKZ)
Rückblick auf ein "brutal aufregendes" Drittligajahr

Nach Höhen und Tiefen das Ziel erreicht

Ein starker Start, eine rasante Talfahrt. Trainer Rüdiger Rehm geht. Uwe Rapolder kommt und sorgt für ein Zwischenhoch. Wieder geht’s bergab, bis Rehm zurückkehrt und das Team mit einer imposanten Serie zum vorzeitigen Klassenverbleib führt. Die SG Sonnenhof Großaspach durchlebte in ihrer ersten Drittliga-Saison ein Wechselbad der Gefühle.

Von Steffen Grün - „Brutal aufregend“ fand der SG-Sportdirektor die zurückliegenden zehn Monate. Joannis Koukoutrigas erinnert sich an viele „Höhen und Tiefen, aber letztlich haben wir unser Ziel erreicht“. Das war für den Neuling von Anfang an der Nichtabstieg – das konnte für den Dorfverein im Konzert der Großen, in dem zahlreiche ehemalige Erst- und Zweitligisten den Ton angeben, auch nur der Ligaverbleib sein. Auf ihrem Weg dorthin meisterten die Aspacher eine Berg-und-Tal-Fahrt, die das Nervenkostüm aller Beteiligten auf die Probe stellte.

Zu Beginn der Runde sorgte die SG für Furore, zehn Punkte aus den ersten sieben Partien waren aller Ehren wert. Berufsoptimisten veranlasste Rang acht, nach oben zu schielen, doch diese Aufstiegseuphorie verflüchtigte sich rasch. „Der Knackpunkt war das Heimspiel gegen Dresden, das wir durch Kleinigkeiten verloren haben“, vermutet Koukoutrigas. Der Neuling verlangte dem sächsischen Traditionsverein alles ab, hatte letztlich aber mit 1:3 das Nachsehen und geriet danach in eine Abwärtsspirale, aus der es kein Entrinnen mehr gab. Kranke und verletzte Kicker taten in den englischen Wochen ihr Übriges, „mit der hohen Belastung durch die weiten Auswärtsfahrten hatten wir keine Erfahrung“.

Von Mitte September bis Ende Oktober erbeutete Aspach nur noch ein Pünktchen (1:1 gegen Erfurt), nach dem bitteren 0:2 in Osnabrück folgte „schweren Herzens“, so der Sportdirektor, die in der Branche übliche Konsequenz: Trainerwechsel. Mit Uwe Rapolder beauftragte die SG einen Routinier mit der heiklen Rettungsmission. Rüdiger Rehm sollte sich auf den DFB-Fußballlehrer-Lehrgang konzentrieren, in der Krise waren die Doppelbelastung und die dauernde Pendelei zwischen dem Fautenhau und der Sportschule in Hennef zu viel für den Regionalliga-Meistercoach geworden. „Es war auch zum Schutze Rüdigers, mit dem wir längerfristig arbeiten wollen“, erinnert sich Koukoutrigas, der damit bereits auf eine alles andere als branchenübliche Regelung verweist: Rapolder spielte lediglich den Platzhalter für Rehm, dessen Rückkehr zur neuen Runde bereits bei der Trennung fix vereinbart worden war.

Der neue Besen kehrte anfangs ziemlich gut, neun Punkte aus drei Partien hievten Großaspach auf den 15. Platz. „Die Serie mit drei Siegen war lebenswichtig“, betont Koukoutrigas den nicht zu unterschätzenden Anteil Rapolders am Klassenverbleib. Die Künste des alten Haudegens nutzten sich aber in Windeseile ab, die zweite Talfahrt in dieser Saison gewann an Rasanz. Vor der Winterpause kam aus vier Spielen nur noch ein Zähler dazu, aufs 1:1 im Kellerduell gegen Rostock im ersten Spiel im neuen Jahr folgten zwei schlimme 1:4-Niederlagen – erst gegen den VfB Stuttgart II, dann gegen die Spvgg Unterhaching.

„Spätestens danach war beiden Seiten klar, dass sich etwas ändern muss“, erinnert sich Koukoutrigas. Rapolder war mit seinem Latein erkennbar am Ende, denn die Mannschaft wirkte so, als sei sie durch die häufigen Systemwechsel komplett aus dem Gleichgewicht geraten. Der gestern 57 Jahre alt gewordene Coach räumte Ende Februar seinen Stuhl, den früher als geplant wieder Rehm einnahm. „Das ist eine einmalige Geschichte, das gab es im Profifußball meines Wissens noch nie“, klopft sich der SG-Sportdirektor für diese Idee praktisch selbst auf die Schulter. „Wir haben im Endeffekt alles richtig gemacht.“

Kein Widerspruch. Rehm entfachte ein völlig neues Feuer in der darniederliegenden Truppe, „er hat allen die Power zurückgegeben“, attestiert Joannis Koukoutrigas dem 36-Jährigen, der seit März 2015 im Besitz der höchsten deutschen Trainerlizenz ist: „Er hat die Mannschaft erreicht, die Spieler haben das umgesetzt, was Rüdiger vorgegeben hat. Es hat die Mannschaft starkgemacht, wieder das zu spielen, was sie über Jahre gewohnt war.“ Mit sechs Siegen und drei Remis führte der alte und neue Trainer die SG Sonnenhof aus der Gefahrenzone, die erste Niederlage in seiner zweiten Amtszeit (1:3 in Mainz) vertagte die Nichtabstiegsfeier lediglich um eine Woche. Weil Unterhaching in Dresden verloren hatte, wich der Druck bereits am Tag vor dem 2:1-Heimsieg gegen Halle aus dem Kessel. Das 0:2 in Chemnitz und das 0:1 gegen Bielefeld taten nicht mehr allzu weh, die Großaspacher beendeten ihre erste Drittliga-Saison auf Rang 15.

Nun gilt’s, die Lehren zu ziehen. Im Vergleich zum Vorjahr, als die Kaderplanung erst nach dem Aufstieg über die Relegation intensiviert werden konnte, „haben wir mehr Zeit, Gespräche mit potenziellen Zugängen zu führen“, freut sich Koukoutrigas. Der Kader werde zum Trainingsstart am 15. Juni nicht komplett sein, „wir müssen vielleicht länger warten als andere, finanzkräftigere Vereine“. Geduld ist gefordert, keine Schnellschüsse, die Neuen sollen zur SG passen. Die Zusage von Tobias Schröck, Defensivspieler aus Burghausen, holte sich Aspach schon (wir berichteten), damit stehen 22 Spieler unter Vertrag. Mit Nicolas Jüllich und Sebastian Schiek soll noch verlängert werden, beim bislang ausgeliehenen Matthias Morys stehen weitere Gespräche mit RB Leipzig an. Klappt es in allen drei Fällen, „suchen wir noch einen Keeper und zwei offensive Außenspieler“. Claudio Bellanave trägt sich trotz seines noch bis 2016 laufenden Vertrages mit Abwanderungsgedanken, ihm würden wohl keine Steine in den Weg gelegt. „Nichts bekannt“ ist Koukoutrigas von einem Interesse der Stuttgarter Kickers an Michele Rizzi, den SG-Sportdirektor wundert es aber, dass es für den Leistungsträger „keine offizielle Anfrage“ eines ambitionierten Vereins gibt: „Wir wären gesprächsbereit, wenn es Richtung Zweite Liga geht. Das ist Teil unserer Philosophie.“ Einen radikalen Schnitt im Kader werde es aber nie geben, verspricht Koukoutrigas, Kontinuität sei wichtig. Auch die zweite Drittliga-Saison soll nämlich nicht die letzte sein.

http://www.bkz-online.de/sites/default/files/imagecache/imageView/local_images/310_0960_22292_.jpg


Hintergrund

Dauerbrenner, Torjäger, Sünder

Nur zehn Drittliga-Kicker kamen in allen 38 Saisonspielen zum Einsatz – einer trug Großaspachs Trikot. Trotzdem ist es ein anderer SG-Akteur, der die meisten Minuten für seinen Klub auf dem Buckel hat. Ein Mittelfeldspieler avancierte zum erfolgreichsten Torschützen und Topscorer des Sonnenhofs, der Letzter der Fair-Play-Tabelle ist. Im Zuschauer-Ranking ließ die SG drei Vereine hinter sich und landete damit auch in dieser Wertung vor den Abstiegsplätzen. Hier ein Überblick über interessante Statistiken, die WFV-Pokalspiele bis zum Viertelfinalaus beim Oberligisten Freiberg spielen keine Rolle.

Der Dauerbrenner: Simon Skarlatidis stand in allen 38 Punktspielen auf dem Platz. Der 23-Jährige gehört in Liga Drei damit zum kleinen, aber feinen Kreis, der von Florian Dick (Bielefeld), Philipp Klewin (Erfurt), Kenneth Kronholm, Tim Siedschlag (beide Kiel), Anton Fink (Chemnitz), Mehmet Kara (Münster), Tobias Jänicke (Wehen Wiesbaden), Addy-Waku Menga (Osnabrück) und David Blacha (erst Rostock, dann Wehen Wiesbaden) vervollständigt wird. Keine Sekunde verpassten lediglich Dick, Klewin und Kronholm, während für Skarlatidis zum Beispiel 17 Aus- und 6 Einwechslungen zu notieren waren.

Der Minutenkönig: Von allen Aspacher Kickern mischte Kai Gehring die längste Zeit mit. Der 27-Jährige wurde wie Michele Rizzi 35-mal in die Startelf beordert – das überbot kein Teamkollege. Gehring, der etatmäßige Innenverteidiger, der auch rechts in der Viererkette sowie im defensiven Mittelfeld aushalf, stellte mit 3147 Minuten allerdings die Bestmarke auf. Auch Mittelfeldspieler Rizzi knackte die 3000-Minuten-Marke (3075), weiteren SG-Fußballern gelang dies nicht.

Der Topscorer: Kein Stürmer war torgefährlichster Aspacher, sondern ein Mittelfeldspieler. Nämlich Rizzi, der es auf zehn Tore brachte. Zur Ehrenrettung der Angreifer muss aber konstatiert werden: Der 27-Jährige verwandelte sechs Elfmeter und drei direkte Freistöße. Sechs Tore erzielte Sahr Senesie, die weiteren Treffer verteilten sich so: Tobias Rühle, Simon Skarlatidis (beide 4), Kai Gehring (3), Pascal Sohm, Sebastian Schiek, Manuel Fischer (alle 2), Fabian Aupperle, Matthias Morys, Shqiprim Binakaj, Daniel Hägele und Cidimar (alle 1). Hinzu kam ein Eigentor. Mit zusätzlich sieben Torvorlagen war Rizzi auch SG-Topscorer. Toptorschütze und Topscorer der Dritten Liga war Fabian Klos (Bielefeld, 23 Tore, 5 Vorlagen).

Die Sünderkartei: Die Fair-Play-Tabelle, die der Kicker führt, sieht Aspach auf dem letzten Platz. Schuld sind Rote Karten für Michele Rizzi, David Kienast, Fabian Aupperle und Sahr Senesie, Ampelkarten für Kai Gehring, Nicolas Jüllich und Josip Landeka sowie 95 Gelbe Karten. Kiel, Erster in dem Ranking, kam mit einer Ampelkarte und 59 Gelben Karten aus. Die SG deshalb eine Kloppertruppe zu nennen, verbietet sich. Es waren umstrittene Entscheidungen dabei, ebenso überflüssige, aber nicht bösartige Aktionen. Für Joannis Koukoutrigas ist es zudem „relativ normal“, dass ein Aufsteiger in diesem Klassement weit hinten rangiert. „Das zeigt, dass die Jungs alles gegeben haben“, sagt der Sportdirektor.

Die Zuschauerresonanz: 45860 Besucher pilgerten zu Aspachs 19 Heimspielen, im Schnitt 2414. Gegen die Kickers waren es 6451, gegen Dresden sogar 7329. „Insgesamt sind wir zufrieden“, sagt SG-Pressesprecher Philipp Mergenthaler und verweist darauf, dass es „fünfmal so viele“ wie in der letzten Regionalliga-Saison waren. Aber: „Da gibt’s noch Steigerungspotenzial.“ Zuschauerkrösus war Dresden. Dynamo empfing im Durchschnitt 22582 Besucher.

Der Vorbereitungsplan steht weitgehend, erster Spieltag am letzten Juliwochenende

Erst eine Woche ist seit dem letzten Spieltag der alten Saison vergangen, da richtet sich der Blick der SG Sonnenhof bereits auf die neue Runde. Die Vorbereitung auf die zweite Drittliga-Spielzeit beginnt in gut zwei Wochen am Montag, 15. Juni (16 Uhr), im Fautenhau. Einen Tag später bittet Trainer Rüdiger Rehm zum Laktattest an den Olympiastützpunkt in Stuttgart, der erste Test steigt am Samstag, 20. Juni, 15 Uhr bei Kreisliga-A-2-Neuling Althütte. Am Dienstag, 23. Juni, 18.30 Uhr kickt Aspach beim Oberligisten Freiberg, beim Regionalligisten SV Waldhof Mannheim tritt die SG am darauffolgenden Samstag (14 Uhr) an. Am Mittwoch, 1. Juli, geht es um 18 Uhr gegen Regionalligisten Astoria Walldorf, der Ort ist offen. Den Höhepunkt der Vorbereitung bildet das Duell mit dem Bundesligavierten Bayer 04 Leverkusen am Sonntag, 5. Juli, um 14 Uhr in der heimischen Mechatronik-Arena. Von 6. bis 12. Juli weilt die SG im Trainingslager in Walchsee (Österreich), ein Gegner für den 11. Juli wird noch gesucht, selbiges gilt für den 18. Juli. Der Termin des ersten Drittliga-Spieltags: 24. bis 26. Juli. Aspach startet auswärts, weil im eigenen Stadion noch ein paar Tage für den Einbau der Rasenheizung benötigt werden.

Quelle: Backnanger Kreiszeitung am 30. Mai 2015

Mehr Statistik?

Hier findet ihr alle SG-Spieler nach Einsätzen und Tore, alle Trainer sowie die SG-Spiele mit den höchsten Siegen, Niederlagen und Tore... [zu den "Ewigenlisten seit 1994"]