3.L | Mittwoch, 19. November 2014 (BKZ)
Uwe Rapolder im Gespräch mit der BKZ

Rapolder plant Wende auf der Schussfahrt

Das BKZ-Interview: Coach der Aspacher Drittliga-Fußballer will am Samstag mit Heimsieg über Chemnitz die 20-Punkte-Marke knacken

Seit drei Wochen hören Großaspachs Drittliga-Fußballer auf die Kommandos von Uwe Rapolder (56). Auf den Topstart mit sechs Punkten aus zwei Partien folgte das Pokal-Aus. Im Gespräch mit BKZ-Sportredakteur Steffen Grün erläutert der erfahrene Trainer unter anderem, wie es zu dem Engagement bei der SG kam und wie es mit dem Ligaverbleib klappen soll.

Herr Rapolder, Sie waren nach ihrer Zeit beim Karlsruher SC gut dreieinhalb Jahre raus aus dem aktiven Trainergeschäft. Waren Sie überrascht vom Anruf aus Großaspach?

  • Ja und Nein.

Das müssen Sie näher erläutern.

  • Auf der einen Seite ist es nach über drei Jahren eigentlich schwierig, ein Comeback zu geben. Auf der anderen Seite habe ich seit vielen Jahren einen engen Bezug zu diesem Verein, und die sportliche Entwicklung war mit dem letzten Platz schon besorgniserregend. Da war es aus meiner Sicht naheliegend, dass sich die Verantwortlichen bei mir melden. Ich wohne nur 25 Kilometer weg, kenne die Verhältnisse gut, habe hier viele Freundschaften. Und: Ich verfüge über das notwendige Rüstzeug, um den Karren noch mal rauszuziehen.

Wie lange mussten Sie überlegen, bis Sie der SG Sonnenhof zugesagt haben?

  • Einen Tag. Wir haben nicht über Geld gesprochen, das hat mich in dem Fall auch nicht interessiert. Ich mache das aus Freundschaft und weil es mir selbst auch noch mal guttut, auf dem Fußballplatz zu stehen.

Spielte es für Sie als ehemaligen Erstliga-Trainer eine Rolle, dass es nur die Dritte Liga ist?

  • In der Dritten Liga kommen für mich in Deutschland nur Arminia Bielefeld und die SG Sonnenhof Großaspach infrage.

Wie fühlt es sich nach nunmehr drei Wochen in Amt und Würden an, wieder auf dem Trainingsplatz zu stehen?

  • Es fühlt sich sehr gut an, als wäre ich nie weg gewesen. Ich habe mich natürlich auch weiterentwickelt in den vergangenen Jahren, habe nach meiner Zeit beim Karlsruher SC ein Buchprojekt gestartet. Dafür war ich bei renommierten Trainern wie Roberto Mancini, Alex Ferguson, Ottmar Hitzfeld, Jürgen Klopp oder Sven-Göran Eriksson und habe deren Arbeit analysiert. Trainingsmethodik, Fußballphilosophie, Führungsstil – da konnte ich einiges mitnehmen. Mir macht es richtig Spaß, mit den Jungs zu arbeiten.

Und der Druck?

  • Druck ist immer vorhanden, aber ich habe ziemlich breite Schultern.

Sechs Punkte aus zwei Drittligaspielen, dann das unerwartete Aus im WFV-Pokal beim Oberligisten SGV Freiberg – Ihr Team hat Ihnen schon zwei Gesichter gezeigt.

  • Das stimmt, aber ich denke nicht in erster Linie ergebnisabhängig, sondern immer in Entwicklungsschritten. Beim 3:1 gegen Mainz 05 II kam etwas Glück dazu und letztlich hat uns der Siegeswille die drei Punkte beschert. Beim 2:0 in Halle war mit einem anderen System und fünf neuen Spielern eine klare Steigerung zu erkennen. In Freiberg war es nun natürlich eine Bauchlandung, wenn man gegen einen Oberligisten ausscheidet. In Deutschland ist der Fußball mit der Einführung der Dritten Liga sehr eng geworden, die Abstände zwischen den Klassen sind nicht mehr ganz so groß. Und bei einem Auswärtsspiel im Pokal sind es auch andere psychologische Voraussetzungen als in Halle bei einem Ligapflichtspiel.

Nach außen hielten Sie nach dem Freiberg-Spiel die schützende Hand übers Team, wie lief die interne Aufarbeitung?

  • Ähnlich. Es passierten von allen Beteiligten viele Fehler, es gibt keine Schuldzuweisungen, es gibt nur den Blick nach vorne. Wir müssen die richtigen Schlüsse ziehen.

Musste sich Shqiprim Binakaj für seine unnötige Ampelkarte noch ein paar klare Worte anhören?

  • Das ist abgehakt. Er hat das ganz sicher nicht im bösen Willen gemacht. Es war vielleicht nicht ganz schlau, nicht ganz clever. Dafür sind wir auch da, um in punkto Cleverness Fortschritte zu machen.

Welche Reaktion erwarten Sie nun von Ihrer Mannschaft?

  • Gegen Chemnitz wird es ein ganz neues Spiel unter ganz anderen Voraussetzungen. Es kann unser Spiel werden, weil wir viel mehr zu gewinnen als zu verlieren haben. Nach neun Partien ohne Sieg waren sechs Punkte aus zwei Begegnungen schon einmal großartig. Wenn es uns natürlich gelingt, aus drei Spielen neun Punkte zu holen, dann haben wir praktisch die Wende auf der Schussfahrt hingelegt. Chemnitz hat erfahrene Spieler, das ist eine richtig gute Truppe, das wird wieder sehr schwer. Wir müssen aber Heimstärke entwickeln, wenn wir nicht absteigen wollen. Wenn du aufsteigen willst, braucht es Auswärtsstärke. Deshalb tut der Sieg in Halle gut, der gibt uns ein Polster für das anstehende Spiel.

Wie viele Punkte sollten es vor der Winterpause bis Weihnachten noch sein, um entspannt feiern zu können?

  • Meine Erfahrung: Die Zehnerschritte sind entscheidend. 10 Punkte, dann 20 – sobald der Zweier vorne dran ist, ist eine psychologische Hürde übersprungen. Es wäre gut, die Hürde gleich am Samstag zu nehmen, denn du kannst an so einer Hürde auch mal hängen bleiben.

Muss der Kader im Winter verstärkt werden, um den Klassenverbleib zu schaffen?

  • Wir haben mit Sahr Senesie, mit Robin Schuster und mit Pascal Sohm wichtige Spieler, die derzeit ausfallen. Man kann aber auch nie davon ausgehen, dass alle fit sind. Der Kader ist gut zusammengestellt, ich habe Vertrauen in die Mannschaft. Wir haben aber unsere Probleme mit der U-23-Regel, bei der andere, größere Vereine bevorzugt sind. Die haben eine U 23, während hier alles im Aufbau ist. Der Verein ist deshalb natürlich bemüht und hält stets Ausschau nach jungen Talenten, die unserer Mannschaft weiterhelfen.

Gefallen Ihnen selbstbewusste Spieler wie Kevin Kunz, der sich gegenüber unserer Zeitung zur klaren Nummer eins im Tor erklärt hat?

  • Ein Torwart braucht Selbstvertrauen, da steckt unser sehr guter Torwarttrainer Georg Koch dahinter. Er gibt ihm dieses Selbstvertrauen, dann ist das okay.

Und was ist mit dem zuletzt verletzten Christopher Gäng?

  • Er schindet sich, um wieder Anschluss zu finden, ist aber körperlich noch nicht so weit, um ständig spielen zu können. Er arbeitet an seiner Verfassung und ich bin gespannt, wie er sich weiterentwickelt.

Wenn Ihre Rettungsmission erfolgreich ist, wollen Sie doch sicherlich über die Saison hinaus weitermachen und nicht wieder an Ihren Vorgänger Rüdiger Rehm abgeben?

  • Mit dem Verein gibt es eine klare Absprache, das muss nicht tausendmal vertieft werden. Wer mich kennt, der weiß: Wenn ich mein Wort gebe, dann ist es auch so.

Sie haben angedeutet, Ihre Zukunft als Sportdirektor zu sehen. Muss also der amtierende SG-Sportchef Joannis Koukoutrigas anfangen, sich Sorgen zu machen?

  • Überhaupt nicht. Eins ist klar: Ein Verein wie die SG Sonnenhof Großaspach kann nicht genug Manpower und Fachkompetenz haben. Aber ich habe schon an andere, größere Nummern gedacht. Ich habe eine akademische Ausbildung, bin fünfsprachig, ohne dass ich Werbung für mich machen muss. Ich habe viel Erfahrung im Trainergeschäft, habe in Deutschland den modernen Fußball mit eingeleitet. Sportdirektor wäre eine Aufgabe, die perspektivisch, nachhaltig, strategisch ausgerichtet ist, da würde ich mich schon zu Hause sehen. Im Moment ist allerdings die SG Sonnenhof das Thema. Ich weiß, was ich will und ich bin dazu da, Großaspach bis Juni aus dem Keller zu holen.

Quelle: Backnanger Kreiszeitung am 19. November 2014