SG1 | Freitag, 24. Januar 2014
Unser "Gänger" ist ein Pfundstyp!

 

Fußballer Gäng:
Leidensweg eines Torwart-Talents

Von Thorsten Eisenhofer, Quelle "Spiegel Online" am 23. Januar 2014
SPIEGEL ONLINE

Christopher Gäng galt als Torwart-Talent, er spielte in der U-19-Nationalmannschaft - dann folgte der Absturz. Verletzungen, gierige Berater, eigene Unprofessionalität führten zu Depressionen. Heute spielt der 25-Jährige in der Regionalliga - und hilft Kollegen.

"Natürlich habe ich an Selbstmord gedacht. Mehrmals sogar. Aber selbst dazu konnte ich mich nicht aufraffen", sagt Christopher Gäng. Es ist November 2012. Gäng, 24, ist am Ende. Oder zumindest kurz davor. Er hockt in Leipzig, wo er eigentlich nicht mehr sein will, geht nur selten ans Telefon, ernährt sich von Pizza und spielt Playstation. Tagelang. Wochenlang. Seine Wohnung verlässt er nur zum Training seines Vereins 1. FC Lok.

Gäng fragt sich, was er dort eigentlich macht. Als Kind träumte er von der großen Fußballwelt. 2007 nahm er Kurs auf diese Welt, er wechselte von Waldhof Mannheim zu Hertha BSC, gehörte dem Profi-Kader an und war Torwart der U-19-Nationalmannschaft. Doch als junger Erwachsener merkte er plötzlich: So toll ist diese Fußballwelt gar nicht. Sein unheilvolles Schicksal nahm seinen Lauf.

"Der Spaß am Fußball ging verloren. Es gibt so viele Idioten. Trainer. Berater. Menschen, die dich immer nur verarschen", sagt Gäng. Zweimal wollte er mit dem Fußball aufhören, zweimal ließ er sich breitschlagen, weiterzuspielen. "Es ist schwer, einen Schlussstrich zu ziehen, man will gewisse Leute ja nicht enttäuschen", sagt er. Also spielte er weiter, erlebte in den Folgejahren wenige Aufs und viele Abs, und merkte nicht, wie er dabei immer depressiver wurde.

Gäng war nicht nur von eigenen Fehlern in die Depression gelenkt worden, sondern vor allem auch von schlechten Ratgebern - und Pech. Sein Fall steht stellvertretend für viele unglückliche oder gar gescheiterte Fußballerkarrieren. Auch wenn es nicht immer so ausgehen muss wie bei Christopher Gäng.

Leben vom Ersparten

Bei der Hertha debütierte er mit einer 1:5-Niederlage in Bremen, es war sein bisher einziges Bundesliga-Spiel. In der Folge war er immer wieder verletzt, 2010 wurde er weggeschickt, weil ihm angeblich der letzte Biss fehlte. "Sie haben gemerkt, dass ich nicht so die professionelle Einstellung hatte", sagt er.

Mainz 05 unterbreitete ihm ein Angebot. Gäng lehnte ab, weil er bei RB Leipzig mehr verdienen konnte. "Ich hätte das Angebot von Mainz annehmen sollen", sagt er heute. "Stattdessen habe ich meinen Berater zocken lassen." Als der Vertrag in Leipzig nach einer Saison nicht verlängert wurde, ging er zum Oberligisten Türkiyemspor Berlin.

Einem Club mit einer großen Vision. Aber auch einem Club, der kurze Zeit später Insolvenz anmeldete. Gäng bekam monatelang weder Geld noch den versprochenen Ausbildungsplatz. "Da sitzt man da und sieht, wie jeden Monat 2000 Euro vom Ersparten draufgehen", sagt er.

Gäng wusste oft nicht, wie es weitergehen sollte. Die Perspektivlosigkeit zermürbte ihn, sie machte ihn fertig. Seine Freundin sagte damals, sie glaube, er sei depressiv, er solle sich untersuchen lassen. Gäng glaubte das nicht, er ließ sich nicht untersuchen. Mit dem Tod Robert Enkes hatte er sich nicht beschäftigt.

Es folgte ein erfolgreiches erstes Halbjahr bei Lok Leipzig, wohin er im Januar 2012 wechselte. Gäng hielt gut, der Verein stieg auf. Doch dann ging im Sommer Trainer Willi Kronhardt, eine Art Ziehvater, der ihn mit nach Halberstadt nehmen wollte. Der Verein untersagte den Wechsel, drohte ihm, so erzählt es Gäng, körperliche Gewalt an. Das sei einer der Auslöser gewesen. Lok-Geschäftsführer Tom Franke weist die Droh-Vorwürfe zurück: "Das wäre mir neu, ist völlig aus der Luft gegriffen und entspricht nicht unserem Geschäftsgebaren."

Ohne Berater, mit Berufsausbildung

Dennoch folgte bei Gäng der totale Absturz, der völlige Verlust der Freude, nicht nur am Fußball. Die Freundin in Berlin, die Eltern in Mannheim, er alleine in Leipzig. Und keiner merkte, was los war. Gäng nahm zu, zog sich zurück. "Ich hatte keinen Bock mehr auf nichts." Es wurde immer schlimmer.

Bis er eines Tages selbst die Reißleine zog und sich dem Lok-Physiotherapeuten anvertraute, der ihn ins Krankenhaus schickte. Die Diagnose: Depression. "Wir haben ihm damals jegliche Hilfe zugesagt", sagt Franke. Weiter will sich der Verein zu dem schwierigen Thema nicht äußern.

Gäng übernahm die Verantwortung für sich und sein Leben, gerade noch rechtzeitig, er ist wieder gesund geworden. Er sprach über seine Probleme, machte eine Therapie und begann eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann. Und er hat seine Lehren aus der schwarzen Zeit gezogen: Der heute 25-Jährige hat keine Berater mehr: "Als es mir beschissen ging, haben die sich eh nie gemeldet", sagt er.

Er führt Maurizio Gaudino an, der ihn, so erzählt es Gäng, zu Türkiyemspor brachte. "Ich war nie sein Berater, daher habe ich mir nichts vorzuwerfen", sagt hingegen der Ex-Profi, mittlerweile Geschäftsführer einer Spielerberateragentur. Man kenne sich aus der gemeinsamen Zeit bei Waldhof Mannheim. Gäng habe ihn angerufen und er, Gaudino, habe ihn auf den Berliner Verein, damals auf der Suche nach einem Torwart, aufmerksam gemacht.

Es kam damals offenbar viel zusammen. Unterhält man sich heute mit Christopher Gäng über diese Zeit, wirkt er sehr aufgeräumt. So, als sei das alles schon Jahre vorbei. Wenn er über den Fußball an sich spricht, ist es, als sei er ein Außenstehender, der damit gar nichts mehr zu tun hat. "Ich bin kein Fußball-Fan mehr", sagt er. "Mir gefällt es nicht, wie viele Menschen in diesem Business ticken."

Gäng weiß das heute, er weiß auch, dass er einige der Fehler bei sich selbst suchen muss. Auch deshalb unterstützt er mittlerweile andere Spieler mit ähnlichen Problemen. "Zwei, drei Kollegen habe ich schon geholfen", erzählt Gäng.

Er spielt mittlerweile beim Südwest-Regionalligisten SG Sonnenhof Großaspach. Die Chancen, aufzusteigen oder irgendwo anders noch mal dritte oder zweite Liga zu spielen, sind nicht schlecht. Noch viel wichtiger ist es ihm jedoch, ein zufriedenes Leben zu führen. "Ich sehe den Fußball viel gelassener als früher."

Schön Dich bei uns bei der SG zu haben, Chris!