3.L | Samstag, 28. Januar 2017 (BKZ)
Neuzugang Mario Rodriguez im BKZ-Portrait

Sonniges Gemüt trotzt eisiger Kälte

„Ich bin gut integriert und hoffe, dass ich spiele“, sagt Großaspachs Zugang Mario Rodríguez vor dem heutigen Drittliga-Heimspiel gegen seinen Ex-Klub Chemnitzer FC (14 Uhr, Mechatronik-Arena), fügt aber brav hinzu: „Der Trainer entscheidet.“ Setzt ihn Oliver Zapel anders als bei der Generalprobe in Heidenheim zunächst doch auf die Bank, wird er auch das wegstecken. Denn Trübsal zu blasen, passt nicht zu seinem sonnigen Gemüt.

Von Steffen Grün - Nicht einmal die klirrende Kälte, die in den vergangenen Tagen herrschte, konnte Mario Rodríguez die Laune verhageln. Und das, obwohl der 22-Jährige in Los Angeles im Stadtteil North Hollywood geboren und aufgewachsen ist, wo Frost und Schnee unbekannt sind. „Es ist ein anderes Leben und eine andere Mentalität in Deutschland, aber das ist kein Problem für mich“, sagt der 1,84 Meter große Stürmer, der seit mittlerweile viereinhalb Jahren in der Bundesrepublik lebt.

Im Juli 2012 kehrte er seiner Heimat den Rücken, wechselte von LA Galaxy II zur U19 des 1. FC Kaiserslautern, nachdem er bei einem Probetraining überzeugt hatte. Betzenberg statt Hollywood Hills – keine leichte Entscheidung, zumal er die Eltern zurücklassen musste und wusste, dass ihn zumindest die Mutter wegen ihrer Flugangst nicht besuchen würde. Nur der Vater war seitdem zweimal da, ansonsten schaut der Sohn im Urlaub zu Hause vorbei. Egal, „ich habe die Chance gesehen, weil der Fußball in Europa so stark ist. Ich habe immer viel Bundesliga geschaut und dachte mir, dass das ein guter Schritt ist“. Mario Rodríguez hat ihn nie bereut, „ich habe viel gelernt – auf dem Platz und abseits davon“. Sehr dankbar ist der Kicker der Gastfamilie, bei der er anfangs in der Pfalz untergebracht war. Der Kontakt zur „zweiten Mama“ und zum „zweiten Papa“, wie er die für ihn so wichtigen Menschen nennt, besteht bis heute, obwohl er schon nach einem Jahr nach Mönchengladbach weiterzog und beim Regionalligateam der Borussia einen Stammplatz ergatterte.

In Chemnitz kommt Rodríguez an Frahn und Fink nicht vorbei

 

Für den Talentschuppen der Fohlen bestritt Rodríguez in drei Spielzeiten 79 Partien, markierte 18 Treffer und bereitete 15 Tore vor. Diese Bilanz rief nach der vergangenen Saison den Zweitliga-Aufsteiger aus Dresden auf den Plan. Dynamo holte ihn, um ihn sofort zum Drittligisten nach Chemnitz weiterzureichen. „Der Plan war, ein Jahr ausgeliehen zu werden und dann nach Dresden zurückzukehren“, berichtet Rodríguez, doch es kam anders. Einmal 90 Minuten, zwei Kurzeinsätze – mehr war beim Aspacher Ligarivalen nicht drin, weil die offensiven Platzhirsche Daniel Frahn und Anton Fink nicht zu verdrängen waren. Ein Fehler sei der Wechsel trotzdem nicht gewesen, denn „Fehler gibt es nicht, man lernt aus allem“. Da ist es wieder, das positive Denken, das dem Angreifer in allen Lebenslagen als Leitlinie dient.

Weil ihn Dresden nicht mit aller Macht zurückhaben wollte, witterte SG-Sportdirektor Joannis Koukoutrigas die Möglichkeit, den von ihm schon länger beobachteten Spieler in den Fautenhau zu locken. Rodríguez unterschrieb einen Vertrag bis zum 30. Juni 2018 und hat auch kein Problem damit, dass Aspach vor allem im Vergleich zu Los Angeles, aber auch zu seinen bisherigen Stationen in Deutschland arg beschaulich ist. „Ich kenne das Dorfleben von einem Besuch beim Rest unserer Familie in Mexiko“, erzählt der US-Amerikaner, der im Besitz beider Pässe ist. Zudem sei Stuttgart in der Nähe, für einen Besuch in der Landeshauptstadt war bislang aber noch keine Zeit. Er ordnet alles dem Fußball unter und ist schon nach dreieinhalb Wochen bestens ins SG-Team integriert, „nachdem wir uns erst einmal gegenseitig beschnuppert hatten“. Die Philosophie des Vereins sei etwas anders, aber die Vorbereitung gut gewesen. Sogar das Trainingslager in Berchtesgaden mit den für ihn so ungewohnten Dingen wie Schlittenfahren und Schneeschuhlaufen machte ihm Spaß.

Kein Wunder also, dass Rodríguez schon heute durchaus eine Option für die Startelf ist. In dem von SG-Trainer Zapel wohl weiter bevorzugten 3-4-3 über die rechte Außenbahn zu kommen, „ist neu für mich, aber kein Problem“, betont der Stürmer, der bislang meistens im 4-4-2 im Zentrum oder als hängende Spitze agierte. Das Trio im Angriff tausche oft die Positionen und die stärker verlangte Defensivarbeit „ist selbstverständlich. Ich arbeite gerne für die Mannschaft, damit wir gewinnen“.

Bleibt noch die Frage zu klären, warum aus einem Kind in Kalifornien ein Kicker wurde, zumal der Stellenwert der Sportart in den USA damals noch deutlich geringer war als heute. „Baseball war mir zu langweilig“, erinnert sich Rodríguez lachend: „Mein Vater wollte unbedingt, dass ich Basketballer werde, aber Fußball hat mir mehr Spaß gemacht.“ Wie jeder ehrgeizige Kicker träumt auch er von der Ersten und Zweiten Liga, „aber jetzt bin ich hier in Aspach, will viele Tore machen und mit der Mannschaft viele Punkte holen“. Wenn das klappt, spricht es sich vielleicht sogar bis zum neuen amerikanischen Nationaltrainer und Klinsmann-Nachfolger Bruce Arena herum und Rodríguez darf nach der U-17- und U-20-WM mit den USA auf eine Berufung ins A-Team hoffen. „Er kennt mich als Trainer von LA Galaxy“, verrät der SG-Zugang, „aber wir hatten noch keinen Kontakt“. Das kann sich ändern.

Quelle: Backnanger Kreiszeitung am 28. Januar 2017