3.L | Samstag, 26. November 2016 (Steffen Grün/BKZ)
Ein Regieraum als zweites Wohnzimmer

^^^ Beziehen Heimspiel für Heimspiel ihr Reich
unter dem Haupttribünendach der Aspacher Arena:
Renate und Rolf Beerkircher. Foto: A. Becher

Für Renate und Rolf Beerkircher beginnen Drittliga-Heimspiele der Aspacher Fußballer immer 90 Minuten vor den eigentlichen 90 Minuten. Das Ehepaar bezieht Position im Regieraum der Mechatronik-Arena, weil zu dem Zeitpunkt die Stadiontore öffnen und er als Chef am Mischpult die erste CD einlegen sollte. Für seine Frau, die zwei Liveticker mit den wichtigsten Infos füttert, geht die Arbeit erst eine gute Stunde später los.

Seit das Schmuckkästchen im Fautenhau im Sommer 2011 seine Pforten öffnete, ist der Regieraum Rolf Beerkirchers Reich. „Ich habe noch kein Spiel verpasst“, sagt der 59-Jährige, den es riesig freute, dass sich für seine Frau bald ein Job an seiner Seite fand. Als Stadionsprecher Tankred Volkmer die Liveticker in andere Hände legen wollte, „habe ich sie gefragt, ob sieInteresse hat“. Hatte sie, zumal sie ohnehin Stammgast bei den Heimspielen war. Seitdem ist die 61-Jährige so zuverlässig dabei wie ihr Mann. „Ich war vor zwei Jahren sogar mit einer gebrochenen Schulter im Einsatz“, erinnert sich Renate Beerkircher. Selbst die schönste Zeit des Jahres wird dem Ehrenamt untergeordnet: „Wir richten den Urlaub nach der Saison aus."

Den nötigen Fußball-Enthusiasmus haben die zwei gebürtigen Backnanger. Rolf Beerkircher kickte selbst, zuletzt für die Spvgg Großaspach. Er hörte auf, kurz bevor 1994 durch die Fusion die SG Sonnenhof entstand, zu deren Gründungsmitgliedern beide zählen. Während der eine Sohn rasch vom Rasen auf die Kartbahn wechselte, blieb der zweite Filius am Ball. Der Papa wurde Trainer, begleitete Fabian und seine Kollegen acht Jahre lang. Dem Verein diente er zudem als Seniorenleiter und Stadionsprecher der zweiten Mannschaft. Als die Aspacher Arena gebaut wurde und die damalige Regionalligatruppe für zwei Jahre nach Heilbronn auswich, schlüpfte er im Frankenstadion ins Ordnerleibchen.

Als der Fußballtempel im Fautenhau eröffnet wurde und ihm die Aufgabe im Regieraum angeboten wurde, schnappte Rolf Beerkircher zu und bildet seitdem ein perfekt harmonierendes Duo mit „Tai“ Volkmer. Wenn der immer unten am Platz weilende Stadionsprecher ein Interview führt und zwei Funkmikrofone im Einsatz sind, reicht ein Blickkontakt und der Mann am Mischpult weiß genau, wann er den einen Regler runter und den anderen hoch schieben muss. „Wenn nur Tai spricht, ist es natürlich einfacher“, sagt Beerkircher. Dann hat dessen Mikrofon dauerhaft Saft und es geht nur darum, die Lautstärke zu regeln.

Von AC/DC bis Gabalier: Rolf Beerkircher hat die Wahl

„Auf meinem Mitarbeiter-Ausweis steht Stadion-DJ“, lacht Rolf Beerkircher. Freie Wahl, welche Musik er in das weite Rund schickt, hat er höchstens zu Beginn, wenn die ersten Fans eintreffen: „Nur harte Musik oder lauter Schnulzen sollten es aber auch nicht sein.“ Zur Auswahl steht vieles – von AC/DC bis Andreas Gabalier. Je näher der Abpfiff rückt, umso kleiner werden die Freiheiten, verrät Beerkircher und deutet auf den Ablaufplan, „der ist immer fast gleich“. Um 13.10 Uhr sind die Höhner dran, dann spricht erstmals Volkmer. Um 13.42 Uhr schmettert die Rebel Tell Band ihre Version von „Du hast mich 1000-mal belogen“, dann wird’s bei „Thunderstruck“ von AC/DC richtig laut. Das Vereinslied „Rot und Schwarz“ kündigt die Aufstellung an. Läuft die Partie, hofft Rolf Beerkircher, möglichst oft die Torhymne „Chase the sun“ von Planet Funk spielen und per Fernbedienung das Heim-Torekonto auf der Anzeigetafel erhöhen zu können.

Auch seiner Frau macht es mehr Spaß, den Liveticker für den Media-Sportservice und den Sportinformationsdienst zu füttern, wenn es bei der SG rund läuft. Zuverlässig arbeitet Renate Beerkircher aber auch, wenn ihr Verein verliert. Der Anstoß, der Halbzeitpfiff, Gelbe und Rote Karten, Tore – wenn etwas passiert, greift sie zum Telefon und wählt nacheinander die Nummern. „Manchmal kommt man mit den Anrufen kaum nach und muss aufpassen, wem man was schon gesagt hat.“ Bei Spielen, von denen es keinen Liveticker gibt, sitzt sie übrigens im Kassenhäuschen.

Mit einem Irrtum räumt das in Aspach wohnende Ehepaar auf. Nämlich mit dem, dass sie direkt unter dem Dach der Haupttribüne auf Höhe der Mittellinie den ultimativen Logenplatz hätten: „Viele denken, wir hätten hier oben die beste Sicht – bis sie mal hier oben waren.“ War das Blickfeld zu Regionalliga-Zeiten nur durch die Stützpfeiler eingeschränkt, kam nach dem Drittliga-Aufstieg der Vorbau für die TV-Kameras dazu. „Manchmal laufe ich extra runter auf die Tribüne und frage nach, wer das Tor gemacht hat oder wie gewechselt wurde“, erklärt Renate Beerkircher.

Dennoch ist der Regieraum längst so etwas wie das zweite Wohnzimmer für die Beerkirchers geworden. Sie beziehen es 90 Minuten vor den eigentlichen 90 Minuten.

Quelle: Backnanger Kreiszeitung am 26.11.2016