3.L | Freitag, 1. Juli 2016 (tai)
„Einstieg bei der SG ist die Kirsche auf der Sahne“

Unser neuer Trainer Oliver Zapel im  BKZ-Interview

Von Steffen Grün - Am Montag hat Oliver Zapel den Vertrag in Aspach unterschrieben, am Dienstag feierte der 48-Jährige beim 4:1-Sieg im Testspiel gegen Greuther Fürth II seinen Einstand. Im Interview mit unserer Zeitung spricht der neue Trainer des Drittligisten unter anderem über seine ersten Tage bei der SG Sonnenhof, über seine Vorstellungen von gutem Fußball und das Testspiel gegen den VfB Stuttgart am Sonntag (15 Uhr, mechatronik Arena).

Vom hohen Norden ins Schwabenland: Wie lange mussten Sie sich diesen Schritt überlegen, der für einen verheirateten Vater von zwei Kindern auch von privater Tragweite ist?

Die Tragweite ist immens, aber das war uns bewusst. Wir haben diese Herausforderung gesucht und glücklicherweise nun auch gefunden. In diesem Fall war eine schnelle Entscheidung gefordert, dementsprechend kurz war die Kommunikation, vor allem mit meiner Familie. Dass diese Entscheidung positiv für die SG ausfällt, war aber eine Frage von einer Minute.

Wie ist Ihr erster Eindruck vom Verein, von Aspach und von der näheren Umgebung?

Ich fühle mich ausgesprochen wohl. Ich wusste zwar am Dienstagmorgen für einen Moment nicht, in welchem Bett ich gerade liege (lacht). Aber das war der Situation geschuldet, dass ich zuvor im Trainingslager mit meinem ehemaligen Team war und daher auch schon länger nicht zu Hause. Nach den ersten Trainingseinheiten und dem ersten Spiel fühle ich mich aber so, als wäre ich schon ein paar Wochen da. Ich mag die ganze Atmosphäre hier, ich mag die Natur. Bislang war ich aus beruflichen Gründen immer nur in Stuttgart, aber genau so wie hier habe ich es mir im Ländle immer vorgestellt.

Sie haben betont, dass Sie sich diese Chance nicht entgehen lassen konnten. Was macht die Aufgabe in Aspach sportlich so reizvoll?

Es gibt nicht viele Klubs im Profifußball, bei denen ein Trainer solche Entwicklungsmöglichkeiten wie bei der SG vorfindet. Deshalb sehe ich für mich schon die Chance, das fortzusetzen, was ich mir in den letzten Jahren erarbeitet habe. Das sind beispielsweise verschiedene Spielphilosophien, die ich stets an die Struktur meiner Vereine angepasst habe. Ich sehe hier die Möglichkeit, diese Arbeit für alle Parteien gewinnbringend umzusetzen. In der Regionalliga habe ich gemerkt, dass ich an bestimmte Grenzen gestoßen bin und mit angezogener Handbremse fahren musste, weil die Aufnahmekapazitäten bei meinen Spielern in gewisser Hinsicht erschöpft waren. Wir konnten zwar den maximalen Erfolg feiern, aber ich weiß auch, dass ich hier in Aspach die Bremse wieder lösen und deutlich mehr einfordern und auch abliefern kann.

Sie sind schon 48 Jahre alt, haben die C-, B- und A-Lizenz zwischen 2011 und 2013 erworben und gehören erst seit März dieses Jahres zum illustren Kreis der DFB-Fußballlehrer. Spielt dieser ungewöhnliche Werdegang eine besondere Rolle für Ihr Trainerdasein?

Er spiegelt den Veränderungsprozess in meinem gesamten Leben wider. Ich habe Fußball immer in Einklang mit meiner beruflichen Karriere gebracht, in der ich mich früh selbstständig gemacht und so versucht habe, meinen fußballerischen Werdegang abzusichern. Das hat super funktioniert und ich konnte noch im Alter von 40 Jahren aktiv spielen. Danach wollte ich mehr Zeit für die Familie haben. Es war letztlich meine Frau, die gesagt hat: „Du brauchst den Fußball. Lass uns mal überlegen, wie wir das auf solide Füße gestellt bekommen.“ Wir haben uns zusammengesetzt und ähnlich wie bei der Entwicklung eines Unternehmens einen Fünfjahresplan erstellt. Ob das alles in der Praxis funktioniert, ist von vielen Faktoren abhängig, aber der Plan ist zu 100 Prozent aufgegangen. Das freut uns sehr – der Einstieg bei der SG ist die Kirsche auf der Sahne, das perfekte Puzzleteil.

Haben Sie schon gewisse Verständigungsprobleme mit den Schwaben festgestellt?

Der Montagabend auf dem Backnanger Straßenfest war ein Crashkurs. Da habe ich einen Verkehrspolizisten gefragt, wo ich hin muss und musste wirklich dreimal nachfragen. Vermutlich wollte er sich ein Späßchen mit mir machen, wovon ich ausgehe, denn er hat geschmunzelt dabei. Aber mir war unklar, ob ich nach links oder rechts gehen sollte. Er hat dann gestikuliert, dann war es klar, aber die ersten beiden Antworten waren für mich wirklich nicht zu dechiffrieren.

Viel wichtiger ist, dass Sie Ihre Spieler und Ihre Spieler Sie verstehen... da gab es noch keine Probleme. Wie ist Ihr erster Eindruck vom Team?

Toll. Ich hatte im Vorfeld viel gehört und mich auch mit dem Team intensiv beschäftigt, soweit das aus der Distanz eben möglich ist. Mir war klar, dass ich eine Mannschaft vorfinde, die gut sozialisiert und wissbegierig ist, die eine hohe Spielintelligenz mitbringt – und genau diese Parameter konnte ich schon beim Betreten der Kabine in den Augen der Spieler erkennen. Die Mannschaft klebt einem an den Lippen, will Begründungen für bestimmte Entscheidungen hören und verarbeiten. Sie ist offen für alles und lebt von ihrer Teamfähigkeit. Nur darüber geht es, weil wir keine Charaktere haben, die extrem ausschlagen und ein gewisses Gefüge vorgeben. Unsere Stärke liegt in der Homogenität.

Die Fußstapfen von Rüdiger Rehm sind groß, denn Ihr Vorgänger hat in acht Jahren und seit 2012 als Cheftrainer Spuren hinterlassen. Wie gehen Sie mit dem Erbe um, haben Sie vielleicht schon mit ihm telefoniert?

Den letzten Kontakt hatten wir in Hennef beim DFB-Fußballlehrer-Lehrgang, bei dem er einen Vortrag gehalten hat. Ich habe jetzt noch nicht mit ihm telefoniert und denke auch nicht, dass ich das machen werde. Ich will mich völlig unvoreingenommen auf die Mannschaft einlassen. Es geht dabei nicht darum, die Geschichte Rüdiger Rehm von jetzt auf gleich zu beenden, es geht aber auch nicht darum, sie fortzusetzen. Meine Aufgabe ist, aus dem, was war, das Positivste mitzunehmen, an den Ecken und Kanten zu feilen, die sich möglicherweise auch durch den personellen Umbruch ergeben haben und hierfür neue Lösungen zu finden.

Mit dem Erfolg sind die Ansprüche gestiegen, aber Leistungsträger wie Rizzi, Rühle, Gäng, Schröck oder Dittgen sind weg. Elf Abgängen stehen sieben Zugänge gegenüber. Was bedeutet der Umbruch zu Ihrem Einstieg?

Es tut immer weh, wenn man gestandene Spieler und Erfolgsgaranten verliert. Es ist immer mit dem Risiko verbunden, diese Abgänge kompensieren zu müssen. Aber wir sind alle gut beraten, wenn wir diesen Umbruch auch tatsächlich als erledigt betrachten. Es ist ein völlig normaler Prozess in jeder Mannschaft, dass sich der Kader von Saison zu Saison personell verändert. Veränderungen bieten stets auch Chancen – nicht nur für die neuen, sondern vor allem auch für die etablierten Spieler. Vielleicht entwickelt sich der eine oder andere durch die Abgänge plötzlich so immens, wie man das vorher nicht erahnen konnte. Wir werden uns neu aufstellen, auch abseits des Feldes, aber das ist ein branchenüblicher Prozess. Ich finde nicht, dass wir gerade eine so hohe Fluktuation haben, dass wir uns Sorgen machen müssen.

Sind Sie mit den bisherigen Zugängen zufrieden und auf welchen Positionen sehen Sie noch Bedarf? Bislang war von einem Torwart und von offensiven Außenspielern die Rede.

Das wurde vor meiner Zeit so geäußert und wir werden uns hierzu besprechen. Ich habe das Team erst einmal im Wettkampf gesehen und da hatten wir gerade über die Außenpositionen sehr gute Aktionen. Natürlich gibt es in jedem Bereich Verbesserungspotenzial, aber die Frage ist, ob wir das über Fleiß und Trainingsarbeit aus den eigenen Bordmitteln entwickeln können oder ob und an welcher Stelle wir externe Impulse und neue Reize brauchen. Um das abschließend beurteilen zu können, brauche ich noch ein paar Tage.

Ihr Vorgänger setzte eindeutig auf ein 4-4-2. Bleibt es dabei, haben Sie andere Vorstellungen oder setzen Sie auf Flexibilität?

Ein ganz hohes Gut meiner ehemaligen Mannschaften war immer, dass sie jederzeit in der Lage waren, von einer Sekunde auf die andere die Grundordnung zu wechseln. Eine Systemvariabilität setze ich bei meinen Spielern voraus. Ich sehe es als eine meiner Hauptaufgaben in den nächsten Tagen und Wochen an, dass ich die Spieler zumindest mit ins Boot nehme, wenn es darum geht, auch andere Grundordnungen und Systeme zu erarbeiten. Ich glaube nicht, dass man über eine gesamte Saison hinweg eine Grundordnung durchziehen kann, ohne nach links und rechts zu schauen. Ich bin froh, dass die Mannschaft dieses 4-4-2 in den vorgegebenen Abläufen meines Vorgängers verinnerlicht hat, aber es gibt auch noch andere Mittel und Wege, um Spiele zu gewinnen. Es wird hinten bei einer Viererkette bleiben, aber alles was davor stattfindet, ist personal- und gegnerabhängig. Das kann eine Raute sein oder drei Spitzen.

Sie waren selbst ein guter Kicker, sind mit 716 Partien und 399 Toren Rekordspieler und Rekordtorschütze der Hamburger Oberliga und waren 2006 Hamburgs Fußballer des Jahres. Warum wurden Sie nie Profi?

Als ich Hamburgs Fußballer des Jahres wurde, war ich schon 38 Jahre alt, vorher gab es diese Auszeichnung in Hamburg nicht. Ich hatte in meiner Karriere mehrmals die Chance, den Schritt in den Profibereich zu gehen, aber die Selbstständigkeit hat mich aus Gründen der Vernunft immer daran gehindert. Ich hatte auch ganz konkrete Angebote aus dem Ausland, aus Griechenland und England, habe diesen Schritt aber nie gewagt. Weil ich Verpflichtungen hatte, und weil ich vor allem auch nicht all das zerstören wollte, was ich mir über all die Jahre aufgebaut hatte. Was ich auf Amateurebene erreichen konnte, liest sich gut, war aber eben nur auf der Amateurebene. Umso mehr freut es mich nun, dass ich das, was ich als Spieler nicht erreicht habe, jetzt realisieren kann.

Am Sonntag steht das Testspiel gegen den VfB Stuttgart an. Was erwarten Sie davon?

Der Spaß steht im Vordergrund. Es sollte dem Umfeld klar sein, dass wir uns in der Anfangsphase einer Zusammenarbeit befinden, dass wir bislang vor allem im physischen Bereich gearbeitet haben und dass der VfB viel weiter ist. Trotzdem werden wir alles geben, um ein gutes Resultat zu erzielen. Wir werden uns so teuer wie möglich verkaufen, aber die Spieler sollen das Spiel in erster Linie genießen. Das ist das Highlight der Vorbereitung, danach beginnt die gezielte Arbeit mit Blick auf die Saison.

Was müsste passieren, dass Sie in einem Jahr sagen können, dass es eine gute erste Saison in Großaspach war?

Dass wir unser Ziel, den Klassenerhalt, realisiert haben. Dass wir uns auf einem fußballerischen Niveau befinden, um so variabel zu sein, dass wir uns auf jede Herausforderung, vor die uns diese Liga stellt, automatisiert einstellen können.

Quelle: Backnanger Kreiszeitung am 1. Juli 2016