20. Juli 1997
Bezirksauswahl Rems/Murr - FC Schalke 04   1:10 (0:7)

FC Schalke 04 glänzt, allerdings nur eine Halbzeit

Der Bundesligist wirbelt beim 10:1 die Amateurauswahl des Bezirks Rems-Murr im Aspacher Fautenhau kräftig durcheinander

Viel hatte sich die Bezirksauswahl fürs Duell mit Bundesligist FC Schalke 04 vorgenommen. Die Fußballer aus dem Kreis wollten, so der Wunsch der Trainer Richard Wolf und Görge Kalb: „Mitspielen und nicht zweistellig verlieren.“ Heraus kam im Aspacher Fautenhau ein 10:1-Sieg für den Uefa-Cup-Sieger, der bereits zur Pause mit 7:0 führte.

Volksfeststimmung herrschte auf der Großaspacher Sportanlage. „Rund 4000 Zuschauer“ schätzte SG-Funktionär Wolfgang Schmückle. Auslöser der Völkerwanderung war der Auftakt der Feierlichkeiten, mit dem der Sportkreis Rems-Murr gestern seinen 50. Geburtstag beging. Der bisherige Trikotsponsor des Traditionsvereins aus dem Ruhrpott, die Winnender Reinigungsfirma Kärcher, präsentierte den FC Schalke als Geschenk für den Jubilar.

Die Elf von Trainer Huub Stevens hielt, was sie versprochen hatte, zumindest vor der Pause. Ohne die verletzten Martin Max, Juri Moulder, Thomas Linke sowie Rene Eykelkamp und mit den Stars Jens Lehmann, Olaf Thon, Ingo Anderbrügge, Jiri Nemec sowie Radek Latal auf der Ersatzbank, wirbelte der Erstligist über den Rasen, dass das Zuschauen eine Freude war. Allerdings: Die Profis glänzten nur eine Halbzeit. In der zweiten Hälfte hielten die Verbands- und Landesligaakteure wesentlich besser mit. Pikanterie am Rande: Ausgerechnet als Schalkes Etablierte auf dem Rasen standen, ließ die Spielfreude nach.

Zu dem Zeitpunkt führten die Gäste aus dem Westen allerdings bereits 7:0. Nach drei Minuten hatte der starke Angreifer Michael Gossens den Bundesligisten mit 1:0 in Führung gebracht. Wirbelwind Arnold Dybek erhöhte wenig später auf 2:0. Das muntere Toreschießen ging weiter. Dybeck, Markus Anfang, Gossens, Denis Klionev und Mike Büskens machten den Unterschied zwischen Bundesliga und Verbands- beziehungsweise Landesliga deutlich. Es wäre wohl noch deutlicher gewesen, hätte der Aspacher Torwart Karl-Heinz Arweiler nicht mehrmals glänzend pariert.

Bezirkscoach Richard Wolf sprach später von einer „Lehrstunde“ für seine Schützlinge. Sein Partner auf der Trainerbank, Görge Kalb, erkannte die Schalker Übermacht ebenfalls neidlos an, zumal „ich seit langem ein Schalke-Fan bin.“

Uefa-Cup-Sieger schaltete einen Gang zurück

Daran hatte er nach der Pause aber wesentlich weniger Freude. Nachdem die Auswahl komplett durchgewechselt hatte, hielt sie nun wesentlich besser mit. Zweimal Holger Kimmich und Nicolai Shpilevsky hatten sogar drei gute Möglichkeiten zum Ehrentreffer, doch auch Torhüter Mathias Schober war auf dem Posten. Nach einer Stunde gelang dem eingewechselten Miguel Pereira mit einem wunderschönen Seitfallzieher das 8:0. Der Ex-Düsseldorfer Anfang erhöhte sechs Minuten später mit einem Flugkopfball auf 9:0. Für Schalkes 10. Treffer war wieder der fleißige Arnold Dybek zuständig. Ansonsten ließen es die Profis nun ruhiger angehen. Zudem war der Urbacher Keeper Jochen Knödler ein starker Rückhalt. Und dann klappte es doch noch für die Amateure. In der 74. Minute kam Nicolai Shpilevsky im Zweikampf mit Marco Kurz im Strafraum zu Fall. Libero Uwe Schreiber, der die Abwehr der Rems-Murr-Kicker in der zweiten Hälfte gut organisierte, verwandelte den Elfmeter sicher zum 1:10.

Stimmen der Trainer: Lehrstunde vor der Pause erteilt

Huub Stevens hätte mit dem Auftritt seiner Truppe durchaus zufrieden sein können. War er aber nur teilweise. Schalkes Trainer kritisierte in der Pressekonferenz: „So wie wir in der ersten Halbzeit gespielt haben, macht Fußball Spaß. Was nach der Pause lief, kann jedoch keinem Fußballer Spaß machen.“

Der Coach und sein Manager Assauer („Mir wäre es recht gewesen, wenn die Elf in der zweiten Halbzeit mit dem selben Tempo wie in der ersten Hälfte gespielt hätte“) betrachteten das Freundschaftsspiel offenbar nicht nur als Pflichtübung. Nochmals Stevens: „Mit so einem Spiel muß vernünftig umgegangen werden, das war in den zweiten 45 Minuten nicht der Fall.“ Schließlich gehe es auch darum, einige Dinge auszuprobieren, so der Trainer.

Ganz froh über Schalkes Schongang in der zweiten Hälfte waren die Auswahltrainer. Richard Wolf bilanzierte: „Schalke war in der ersten Halbzeit fünf Nummern zu groß. Nach dem Wechsel haben sie zum Glück die Handbremse angezogen.“

Görge Kalb betrachtete das Duell als „eine tolle Geschichte, auch für die Spieler“. Aber nicht nur für die Akteure, auch für den Nachwuchs. So nahe kommen sie Fußballprofis nur in den seltesten Fällen.

Der Sieger heißt Verein für Lebenshilfe

Mit 10:1 Toren schlug der FC Schalke 04 die Bezirksauswahl. Gefreut werden sich die heimischen Fußballer über diese Trefferflut sicherlich nicht haben. Gefreut aber hat sich der Backnanger Verein für Lebenshilfe. Denn pro Tag in dieser Partie spendeten die Firma Kärcher, die Desso DLW, das Backnanger Billard-Sport-Zentrum und die SG Sonnenhof Großaspach je 50 Mark.

Damit kam ein stolzer Betrag von insgesamt 2.200 Mark zusammen, der dem Verein in kürze überreicht werden wird. Vorsitzender Martin Dietrich und seine Gattin beklatschten deshalb auch jedes Tor im Fautenhau begeistert.

Stenogramm

FC Schalke 04: Schober, Held, Kurz, de Kock (58. Thon), van Hogdalen (46. Nemec), Müller (58. Latal), Büskens, Gossens (46. Anderbrügge), Anfang, Klionev (46. Pereira), Dybek.
Rems-Murr-Team: Arweiler (46. Knödler), Petz (46. Haerer), Lehmann (46. Weiss), Herb (46. Schwarz), Gradwohl (46. Uwe Schreiber), Gunzer (46. Shpilevsky), Spindler (46. Bohmwetsch), Schwab (46. Rainer Schreiber), Kraft (46. Nickel), Loth (46. Sousa), Chatzikiriakos (46. Kimmich).
Schiedsrichter: Bicheler aus Stuttgart.
Zuschauer: 4.000.

Quelle: Backnanger Kreiszeitung am 21. Juli 1997